Mittwoch, 24. Oktober 2012



Ich warne euch vor, das wird ein emotionaler Blogeintrag.(den habe ich allerdings schon montag geschrieben, -heute habe ich dazu wieder abstand gewonnen. aber ich dachte ich kann euch ja mal auf dem laufenden halten, was mich so bewegt hier)

In meinen ersten Wochen gab es hier eine Freiwillige, die immer wieder geweint hat, weil sie die Lebensbedingung der Kinder so traurig fand. Mir ging das gar nicht so, irgendwie war das alles so unreal. Und ich dachte: ja, so ist das halt. Und heute, nach 11 Wochen Ghana, ist der erste Tag, an dem mir alles über den Kopf gewachsen ist. Im Projekt fing es an, dass die eine Frau, die dort mithilft, das eine kleine Mädchen gewaschen hat. Mit einem schäumenden Schwamm hat sie auch richtig das Gesicht geschrubbt. Während ich sie abgetrocknet habe hat sie ganz still vor sich hin geweint. Als ich dann Gifti die Zähne geputzt habe, wurde mir bewusst, wie schlecht die Zahnbürsten sind. Die Borsten waren so hart, dass ich Angst hatte ihre Milchzähne würden gleich herausfallen. Dann stand vor uns ein riesiger Berg mit dreckigen Töpfen, Schalen und Besteck, die noch vom Wochenende stehen gelassen wurden. Als wir nach Spüli gefragt haben, wurde uns – wie immer – die Kernseife gebracht, die wir fürs Waschen der Kinder nehmen und die zum Wäschewaschen genommen wird. Das heißt, erst kommt die Seife mit den Schwämmen in Kontakt, mit denen über die Pilzinfektionen am Kopf geschrubbt wird, danach werden die vollgeschissenen Schuluniformen mit der Seife eingeschäumt und geschrubbt. Und dann wird sie uns in die Abspülschüssel geworfen. Ich bin mit meinen beiden Zimmermädels zusammen im Projekt. Deshalb rede ich von wir. Als die Köchin kam und meinte wir sollten mehr Seife nehmen, hat Bente einen Anlauf gestartet und ihr versucht zu erklären, dass wir ungern diese Seife nehmen wollen, die auch schon mit den Pilzinfektionen in Kontakt kam. Und: Sie hat es kapiert. Erst einmal ging sie zu dem Projektleiter und es wurde getuschelt. Und wir dachten schon, ui, ob das so gut ist sich in deren Gewohnheiten einzumischen. Aber dann ist eine der Frauen losgezogen und hat uns eine Packung Waschpulver für den Abwasch gekauft. Ob Waschpulver jetzt so gut für Geschirr ist, ist eine andere Frage. Die Schüsseln, die wir abspülen, sind aus Plastik. Heute habe ich festgestellt, dass sie mich an meine Kindheit erinnern. Das sind halt so Plastikschüsseln, mit denen wir im Sandkasten gespielt haben. Ist das nicht traurig? Warum können die Kinder hier nicht auch so eine gut behütete Kindheit haben, wie wir sie gehabt haben? Zu den Schüsseln: hier sitzt in jeder Ritze Palmöl. Man bekommt die Schüsseln einfach nicht mehr sauber. Dazu muss man sagen, dass das Wasser auch schon nach drei Schüsseln dreckig ist, weil hier für jedes Gericht Palmöl verwendet wird. Das Wasser durften wir nicht wechseln, da Wasser heute kostbar war. Die Wasserleitung ist kaputt. Beim Frühstück gab es heute für jedes Kind nur 2 Kellen Brei, mehr gab es nicht. Irgendwann kam Christopher an, um sich in der „klaren“ Wasserschüssel zum Nachspülen der Schüsseln seinen Mund zu waschen. Und eben auch, um seinen Durst zu löschen. Felina hat ihn erst ermahnt, dass er das Wasser nicht trinken solle. Aber dann wurde uns klar, dass es doch gar kein anderes Wasser zum Trinken gibt. Wie oft füllen wir ihnen einen Becher aus der Tonne auf, in dessen Wasser tote Fliegen schwimmen. Kein Wunder, dass die Kinder Würmer bekommen. Im Moment sind auch nur die Hälfte der Kinder im Waisenhaus, da der Rest krank ist. Auch die eine Frau, die dort arbeitet, ist so krank, dass sie momentan im Krankenhaus ist. Und diese Pilze breiten sich wie verrückt aus. Seit ich hier bin, hat Gabi einen Pilz am Kopf, der ist immer noch genauso groß wie am Anfang. Jetzt haben noch 5 andere Kinder Pilze. Aber die Kinder teilen sich auch die Handtücher und Schwämme, mit denen über die Pilze gegangen wird. Heute jedenfalls, als wir beim Abwaschen standen, und wir plötzlich sahen, wie die Scheiße der kleinen Mercy die Beine herunterlief, weil es heute mal keine Windel für sie gab, da war dann die Grenze bei uns Dreien erreicht. Wir haben alles stehen und liegen gelassen und sind gegangen. Auf dem Weg zum Taxi meinte ich, dass ich gerade heulen könnte. Und dann meinte Bente: Dann weine doch einfach! Lass alles raus! Das muss doch mal sein. Und dann liefen auch schon die Tränen bei mir.. :D Heute ging mir das einfach alles ganz nah. Man wird in eine völlig andere Welt geschmissen. Und die Entscheidung liegt bei einem selbst, wie man und ob man die Mentalität, die Gewohnheiten akzeptiert oder ob man den Wille zeigt, etwas verändern zu wollen. Fakt ist aber, dass man gar nichts verändern kann. Klar, man kann losziehen und Klamotten, Zahnbürsten, Spüli, Schwämme, Medizin kaufen. Aber geht denn alles nur mit Geld? Und wenn wir weg sind, dann wird doch das eine Seifenstück wieder für alles genommen. Weil es eben auch zu teuer ist, drei verschiedene zu nehmen. Eben saß ich mit Wiebke auf dem Sofa. Sie hilft in einer Schule mit und kümmert sich dort um die Nursery, also um die ganz Kleinen. In ihrer Schule wurde neulich ein Mädchen verprügelt. Da kam die Mutter mit ihrer Tochter zu einer Lehrerin und hat darum gebeten, dass sie ihr Kind vor der ganzen Schule mit einem Stock verprügelt. Das ist dann auch passiert. Danach gab es wohl ein langes Gespräch zwischen Wiebke und dem Schulleiter, bei dem dann versprochen wurde, dass die Kinder „nur noch“ auf die Hände geschlagen werden und ihnen vorher erklärt wird, warum. Heute kam sie in die Schule und hat festgestellt, dass für jeden Lehrer ein neuer Bambusstock gekauft wurde. Sie wollte erst fragen, ob die Stöcker im Sonderangebot waren. Und immer wieder hört sie, wie die Kinder geschlagen werden. Genau das meine ich. Man kann einfach nichts ändern. Und es soll anscheinend auch nichts geändert werden.
So meine Lieben, jetzt habe ich mal alles raus gelassen, was mich bedrückt. Das musste mal sein. Die Schokolade aus dem Päckchen und ein super leckeres Mittagessen haben mich dann auch wieder munter gemacht. Übrigens: Bei uns immer Supermarkt hängt jetzt auch schon die Weihnachtsdeko und man kann Baumschmuck und Plastikbäume kaufen. Ja, die Zeit läuft und läuft.

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